Eigentlich hatte ich vor, nur ein paar Wochen zu warten, und
dann einen ausführlichen Bericht über meine Arbeit hier zu verfassen. Es hat
aber einige Zeit gedauert, bis sich die einen oder anderen Bereiche
konkretisiert haben. Dadurch dass aber immer wieder neue Projekte auf uns
zukommen oder sich erst im Laufe des Jahres entwickeln, ist auch jetzt noch
nicht alles klar. Nichtsdestotrotz möchte ich euch langsam mal einen kleinen
Einblick in meine „berufliche“ Tätigkeit hier geben.
Die Cafeteria
Die Cafeteria wird von freiwilligen Studenten betrieben und
versorgt Auszubildende, Studenten und Mitarbeiter an der Uni mit heißen und
kalten Getränken, Snacks, Sandwiches, etc. Wir sind montags, dienstags und
freitags in allen Pausen im „Cafet“.
Die Frühstückspause von 9.50 bis 10.10 ist die stressigste. Der Ansturm ist hier immer am größten, vermutlich weil die Franzosen klischeegemäß nicht oder kaum zuhause frühstücken und alle ihre petits pains und ihren Kaffee brauchen. Zum Teil arbeiten wir zu sechst auf engstem Raum und stehen an der Kaffeemaschine an, die leider nur vier Kaffee gleichzeitig ausgeben kann. Anfangs waren es sogar nur zwei Kaffee gleichzeitig. Rückblickend weiß ich echt nicht mehr wie wir das gemacht haben.
Die Mittagspause ist eigentlich von 12.00 bis 13.30, aber wir sind schon früher da, holen paketweise Sandwiches ab, sortieren und zählen sie und bereiten das Cafet auf die Pause vor. In der Mittagspause laufen dann vor allem die Menüs: ein Sandwich, ein Getränk und ein Snack für zusammen 3,50€. Nach etwa zwanzig Minuten ist der Ansturm abgeebbt und man kann selber essen und sich mit den anderen „Mitarbeitern“ im Cafet und einigen Studenten unterhalten, die an der Theke bleiben. Manchmal machen wir dann noch einige Aufräumarbeiten, z.B. den Getränkekühlschrank auffüllen.
Die Nachmittagspause von 15.20 bis 15.40 verläuft da wieder etwas stressiger, denn der Kaffeebedarf ist wieder groß. Donnerstagsnachmittags arbeiten wir auch im Cafet. Da ist es aber ruhiger, weil nur die Lehrlinge da sind.
Wir haben uns schnell eingearbeitet und mittlerweile
verstehen wir sogar, was die Franzosen meinen, wenn sie englische Firmennamen
sehr französisch aussprechen. Generell macht die Arbeit im Cafet echt Spaß und
vor allem trifft man viele neue Menschen, nicht nur die, die man bedient,
sondern auch das ganze Cafet-Team. Die Verantwortlichen fürs Cafet waren unsere
ersten Bekanntschaften hier in Lille, sind gleich auf uns zugekommen, haben
mich vom Bahnhof abgeholt und haben uns gleich am zweiten Abend zu ihnen zum
Crêpe-Essen eingeladen, was nebenbei bemerkt einer meiner absoluten
geschmacklichen Höhepunkte hier war. Sie haben uns bei allen möglichen anfänglichen
Startschwierigkeiten geholfen und auch die Kennlernparty mit dem Rest des Teams
war einer meiner coolsten Abende hier.
Deutschunterricht
Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich eines Tages dazu
überreden lassen würde zu unterrichten. Und erst recht nicht, dass es mir dann
auch noch Spaß macht. Beides ist eingetroffen. Wir haben zurzeit fünf Kurse,
beziehungsweise viermal zwei Stunden Unterricht die Woche. Es sind Kurse, die
so klein sind, dass sie ohne uns vermutlich nicht zustande kämen.
Hier am recht
verschulten icam haben die Studenten des 1. bis 3. Jahres obligatorisch 2
Wochenstunden Unterricht in ihrer ersten sowie in ihrer zweiten
Fremdsprache. Bei den Studenten des 4.
Jahres und den Auszubildenden ist es ein bisschen weniger und anders verteilt,
die Studenten des 5. Jahres haben generell keinen richtigen Unterricht mehr. Es
gibt ein großes Angebot an Sprachen und Sprachniveaus und die Möglichkeit,
seine zweite Fremdsprache zu wechseln, wenn man will.
Am Dienstagnachmittag haben wir einen Kurs, der momentan nur
aus einer einzigen Studentin aus dem zweiten Jahr besteht. Im zweiten Semester
kommt ein weiteres Mädchen dazu, die derzeit im Ausland ist. Die Studentin in
diesem Kurs hatte schon einige Jahre Deutschunterricht, ist aber noch nicht gut
genug, um mit dem eigentlichen Kurs mithalten zu können. Mit ihr haben wir
bisher unter anderem das Perfekt mit sein, die unregelmäßigen Partizipien und
die Adjektivdeklination behandelt.
Am Mittwochvormittag haben wir jeweils drei Wochen lang die
Studenten aus dem 4. Jahr und drei Wochen lang die Auszubildenden im 3. Jahr.
Erstere bilden einen Kurs mit 6 Studenten, die bisher ein Jahr
Deutschunterricht bei unserer Vorgängerin hatten. Es hat uns einige Zeit
gebraucht, bis wir festgestellt haben, welches Niveau sie haben, was wir
wiederholen müssen und wo wir weitermachen können. Eine Schülerin ist besonders
motiviert und hat ein viel höheres Niveau als der Rest. Sie müssen wir immer
mit extra Aufgaben versorgen. Momentan üben wir bis zum Erbrechen den
Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ. Das erst einmal selbst zu
durchblicken und auf Französisch Studenten zu erklären, die das weder aus ihrer
Muttersprache noch aus bisher erlernten Fremdsprachen kennen, war eine ganz
schöne Herausforderung.
Die Auszubildenden im 3. Jahr sind zu fünft und absolute
Anfänger. Mit ihnen machen wir das gleiche wie mit den Studenten im 3. Jahr.
Und obwohl sie nur halb so viele Stunden Deutsch haben, kommen wir fast gleich
schnell mit ihnen voran, weil sie fast nie Fragen stellen, generell wenig von
ihnen kommt und sie auch schneller, aber oberflächlicher arbeiten als die
Studenten im 3. Jahr.
Diese vier haben wir immer donnerstagsvormittags und sie
sind ehrlich gesagt mein liebster Kurs. Auch sie haben mit uns Anfang des
Jahres erst angefangen Deutsch zu lernen, deswegen wissen wir genau was sie
schon gelernt haben. Der Unterricht mit
ihnen wird sehr oft sehr lustig, aber obwohl sie sehr aufnahmefähig,
interessiert und motiviert sind, ist es schwierig, mit den zwei Wochenstunden
schnell genug voranzukommen.
Es ist ein bisschen absurd, sich als Lehrerin wahrzunehmen,
wenn die eigenen Schüler älter sind als man selbst und man mit ihnen zusammen
feiern geht, sie dann aber am nächsten Tag benoten soll. Denn ja, wir benoten
sie auch, prüfen sie mündlich, entwerfen Klausuren und korrigieren diese. Wirklich
eingeführt wurden wir in unsere Arbeit nie und überprüfen, was wir wirklich
machen, tut auch niemand. Wir haben ein Lehrbuch bekommen und können uns
jederzeit an unseren Tutor wenden, der ja auch Deutschlehrer ist, und zwar der
beste am icam.
Der Club International
Dieser Teil meiner Arbeit ist einer der unkonkreten und
seltsamen Bereiche meines Arbeitsalltags. Irgendwer ist irgendwann auf die Idee
gekommen, dass wir mit den ausländischen Studenten arbeiten könnten und den "Club International" gründen. Das hat
uns sehr zugesagt; allerdings gibt es auch im Studentenbüro eine Abteilung für
Internationales, und unsere und deren Aufgaben sind nicht so klar getrennt.
Wir
finden uns des Öfteren in Meetings mit verschiedenen Verantwortlichen und
Studenten wieder, die selten zu etwas konkretem führen. Manchmal versuchen wir
auszubaden, was die Abteilung für Internationales nicht organisiert bekommt und
im Moment sind wir drauf und dran unsere ersten eigenen Ideen umzusetzen.
Es
geht uns nicht nur darum, die ausländischen Studenten, die hier sind
untereinander zu vernetzen, ihnen Aktivitäten anzubieten und sie zu
integrieren, sondern auch, sie präsent zu machen und auch den französischen
Studenten mehr Lust zu machen, ins Ausland zu gehen. Unter anderem haben wir
während der Einführungswoche eine Stadtführung durch Lille organisiert und das
repas international im Oktober umgesetzt. Außerdem haben wir die Idee der
Patenschaften zwischen älteren französischen und internationalen Studenten
konkretisiert und einen Vertrag festgelegt. Zurzeit sehen wir eine monatliche
Ausstellung zu den unterschiedlichen Nationen vor und haben die Ausstellung
über Deutschland schon fast beendet. Als nächstes planen wir einige coole
Aktionen für die Adventszeit.
Die Bibliothek
Wenn wir nicht im Büro arbeiten, dann arbeiten wir in der
kleinen Bibliothek, die vordergründig als Arbeitsraum dient, und machen dabei
die Aufsicht. Wir sitzen am Empfang und arbeiten an unseren Projekten und
bereiten unseren Unterricht vor. Wir passen auf, dass niemand isst, trinkt oder
laut ist, und sind Ansprechpartner fürs Scannen, Drucken, Kopieren und den Verleih
von Büchern.
Weitere Projekte
Gestern haben wir unsere ersten zwei Englischstunden
gegeben. Das Sprachniveau einiger Auszubildenden lässt zu wünschen übrig und
die Englischlehrerin hat uns gebeten, ein paar lockere Stunden zu organisieren,
in denen die Schüler Spaß haben und gleichzeitig zum Reden kommen, oder auf
andere Weise interessierter an der Sprache sind. Wir hatten mit jedem Kurs nur
eine Stunde Zeit und haben mit den Schülern Songtexte behandelt und Spiele
gespielt. Das hat super funktioniert und ist gut angekommen. Zudem ist
vorgesehen, dass wir die Schüler in ihren mündlichen Probeprüfungen abfragen.
Ich weiß aber noch nicht, ob ich das auch machen werde, oder ob Pia das alleine
machen wird.
Es war außerdem vorgesehen, dass wir noch mehr mit den
Auszubildenden arbeiten, in Aktivitäten, die nicht direkt zum Unterricht
gehören. Die Verantwortliche dafür, hat sich aber gestern erst bei uns
gemeldet. Mal sehen was darauf wird und welche Form das annimmt…
Ein anderes Projekt, das wir ab nächstem Jahr in Angriff
nehmen werden, wird ein Projekt zu Nachhaltigkeit, insbesondere in Bezug auf
die Universität. Bisher haben wir nur etwas Brainstorming betrieben, aber es
gibt so einige Elemente im Unialltag, an denen man in dem Punkt arbeiten
könnte.
Ich halte euch auf jeden Fall mal auf dem Laufenden, was aus
den einzelnen Projekten wird.
Im Übrigen poste ich ab jetzt nur noch einmal die Woche, in
der Regel mittwochs, weil ich mittlerweile weniger zu erzählen habe als am
Anfang und auch weniger Zeit.




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